TSV Achim - Newsartikel drucken


Autor: Nico röger
Datum: 09.01.2017


Ein Vorreiter geht in den sportlichen Ruhestand

Wilfried Steding holte die Sportart nach Achim und nutzte somit seinen Schicksalsschlag positiv
 

Mister Rollstuhlbasketball

06.01.2017

 
Wilfried Steding, Behindertensportler © FOCKE STRANGMANN
Wilfried Steding war jahrelang beim TSV Achim tätig und blickt auf eine erfolgreiche Laufbahn zurück. (FOCKE STRANGMANN)

„Ich hatte eine Sehnenverletzung an der Schulter. Das ist ein bekanntes Problem bei Rollstuhlbasketballern. Nach meiner Operation im März 2016 stand der Entschluss aufzuhören endgültig fest“, erzählt der 60-Jährige. Spulen wir aber erst mal paar Jahre zurück. Der gebürtige Bremer und „Sportverrückte“ – so wie er sich des Öfteren gerne selbst bezeichnet – spielte früher für den TB Uphusen Fußball. Im Alter von 23 Jahren erhielt er die Schockdiagnose: Myelitis, eine Entzündung im Rückenmark. „Ich war noch auf einer Feier und irgendwann begannen die Schmerzen. Sie waren so unerträglich, dass ich am nächsten Tag ins Krankenhaus gefahren bin“, erinnert sich Steding. Durch einen Virus breitete sich die seltene neurologische Erkrankung aus und zwang den damals noch jungen Sportler 18 Monate später in den Rollstuhl.

Das hielt ihn aber nicht davon ab, weiterhin Sport auszuüben. Im Behindertensportverein Achim (BSV) lernte er 1982 zunächst das Bogenschießen. Zu diesem Zeitpunkt war das Angebot für beeinträchtigte Sportler begrenzt. Zur Auswahl gab es lediglich Sitzball, Prellball und Tischtennis. Nebenbei spielte Wilfried Steding drei Jahre lang Rollstuhlbasketball in Oldenburg und lief mit seiner Mannschaft unter anderem in der 2. Bundesliga auf. Irgendwann wurde es ihm aber zu stressig, und er wollte eine Mannschaft in Achim aufbauen. „Meine ganze Woche war verplant, und die Fahrerei nach Oldenburg hat viel Zeit in Anspruch genommen“, erzählt Steding.

Zur Saison 1988/89 gründete er daher eine Punktspielmannschaft im Rollstuhlbasketball beim TSV Achim. Zur Mannschaft gehörten nicht nur Querschnittsgelähmte. Alle Behinderungsarten waren zugelassen, wobei alle sich nur im Rollstuhl fortbewegen durften.

„Der Anfang war schwierig. Wir haben viele Niederlagen kassiert“, erinnert sich der nun ehemalige Spartenleiter. Neben seinem Posten als Trainer war er auch gleichzeitig als 1. Vorsitzender beim BSV vertreten. Vier Jahre später durften dann auch Nichtbehinderte Rollstuhlbasketball spielen. „Sie waren sowieso als Begleitperson immer dabei, und man kriegt ja nicht immer eine Mannschaft zusammen. Daraufhin haben wir beschlossen, unser Angebot zu erweitern“, schildert der 60-Jährige. Die Zugänge häuften sich, und die Lions eröffneten zur Saison 93/94 eine zweite Mannschaft. Nachdem Gerhard Tchorz seinen Posten als Übungsleiter der Ersten übernommen hatte, trainierte Steding eine Zeit lang die Zweitbesetzung der Achimer.

Nebenbei kümmerte er sich auch immer wieder um organisatorische Dinge. „Ich habe viel Zeit und Herzblut in die Angelegenheit gesteckt. Es hat mir einfach Spaß gemacht“, berichtet Steding. Sein persönlicher Höhepunkt ist nicht allzu lange her. In der Saison 13/14 stiegen die Lions als Nachrücker in die 2. Rollstuhlbasketball-Bundesliga Nord auf. „Es war eine besondere Herausforderung für mich. In dieser Zeit habe ich lediglich an zwei Partien teilgenommen, da ich den jüngeren Spielern den Vortritt lassen wollte“, sagt Steding. Er hielt sich im Hintergrund und kümmerte sich um das Sponsoring und die Organisation. „In dieser Zeit sind wir ziemlich weit gefahren, zum Beispiel nach Jena und nach Zwickau. Damit man alles unter einem Hut bekommt, habe ich mich hauptsächlich darauf konzentriert“, erzählt Steding. Ein weiterer besonderer Moment in seiner Laufbahn sei die Teilnahme am DRS-Pokal gewesen. „Durch den Gewinn des Regionalpokals Nord waren wir in der ersten Runde dabei. Das war schon aufregend, gegen Mannschaften aus der 1. Bundesliga zu spielen.“

Seine Arbeit im Behindertensport bereitete ihm immer wieder große Freude. Umso wichtiger sei es ihm, dass diese Sportart mehr Anerkennung bekommt. Die Vereine werden meistens durch Sponsoren finanziert, das war nicht immer so. „Früher haben die Krankenkassen auch noch etwas dazu beigesteuert. Heutzutage tun sie es kaum noch. Sie begründen es damit, dass der Sport nicht als Hilfsmittel diene oder gesundheitsfördernd wirke. Ich sehe das anders“, schildert Steding. Dem BSV ginge es aber gut. Auch die Entwicklung von früher zu heute sei für den Rentner positiv. Gerade hier in Achim und umzu gebe es ein breites Spektrum an Angeboten für den Behindertensport.

Auch wenn er dem Rollstuhlbasketball unter anderem wegen seiner Verletzung den Rücken kehrte, hat er – mal wieder – einen Weg gefunden, sich weiterhin sportlich zu betätigen. „So ganz ohne geht es natürlich auch nicht. Ich fahre jetzt öfters Rad, beziehungsweise Handbike“, berichtet der 60-Jährige. Auch wenn der Schritt nicht einfach gewesen sei und Steding das ganze Drumherum vermissen würde, sei er froh, jetzt häufiger Zeit mit seiner Frau zu verbringen. „Sie hat in den letzten Jahren viel mitgemacht, und ich kann von Glück reden, dass ich so eine tolle Frau habe“, erzählt er und grinst dabei. Trotz seines Schicksals blieb und bleibt Wilfried Steding immer positiv und löst die Probleme auf seine Art – sportlich.

„Ich habe viel Zeit und Herzblut in die Angelegenheit gesteckt.“ Wilfried Steding